Neue Wege im Tourismus

28. Juni 2016

Wettbewerbsvorteil durch neue Ideen: Was in der Wirtschaft funktioniert, macht auch im Tourismus Sinn. Wie innovative Ideen hierzulande aussehen können, zeigen die Beispiele zweier heimischer Touristiker.

Trotz touristischer Tradition und eines über ein Jahrhundert gewachsenen Wissens zum heimischen Gast: Wer als Tiroler Touristiker nicht seinen Finger an den Puls der Zeit legt und so neue Gästewünsche und nachhaltige Trends rechtzeitig erkennt, wird es in Zukunft zunehmend schwer haben.
Richard Hirschhuber, Eigentümer der Gastronomiebetriebe Auracher Löchl in Kufstein, und Mario Gerber, Geschäftsführer der Gerber Hotels Kühtai, zeigen, wie sie ihre Betriebe mit neuen Ideen zukunftsfit halten wollen.

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In der Welt zu Hause

Richard Hirschhuber betreibt die Gastronomiebetriebe Auracher Löchl in Kufstein. Zu seinen Betrieben zählen das Traditionsgasthaus Auracher Löchl, die Bar „Stollen 1930“ und das im Mai 2016 eröffnete Boutique-Hotel „Träumerei #8“. Für den Kufsteiner Touristiker sind die Themen „Tradition“ und „Innovation“ im Tourismus untrennbar miteinander verbunden. Für ihn geht es nicht darum, „die schöne Tiroler Gaststube von 1896 zu verändern, die gehört genauso zur wichtigen touristischen Hardware wie die gelebte Gastfreundschaft vor allem in heimischen Familienbetrieben.“ Innovative touristische Angebote hätten vielmehr die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sich der Gast in Tirol nicht langweilt. Richard Hirschhuber: „Unsere Besucher sind nicht vor 20 Jahren stehengeblieben. Wenn eine Flugreise weniger kostet als eine Taxifahrt, kann man davon ausgehen, dass Tirolgäste längst auch die ganze Welt gesehen haben und Dortiges mit Daigem vergleichen!“ Auf Urlaub fahre man nicht nur zur Erholung, sondern auch, um den daheim gebliebenen Freunden eine Geschichte erzählen zu können. Deshalb müsse dafür gesorgt werden, dass der Urlaub in den Bergen zum erzählbaren Erlebnis wird.


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Innovativer Sieger

Der Wasserpark Hexenwasser Söll wurde mit dem renommierten Österreichischen Tourismus-Innovationspreis (ÖTI) 2016 ausgezeichnet. Vor allem die neue Attraktion des Wasserparks „Das Blaue Wunder“ konnte die Fachjury überzeugen. Der ÖIT ist eine Initiative des Bundes gemeinsam mit den Bundesländern und wurde erstmals 2012 vergeben.

Ganz spezielles Lokalkolorit

Diesem Bedürfnis will Richard Hirschhuber mit seinem Boutique-Hotel Träumerei #8 entsprechen. Zielgruppe sind qualitätsbewusste Gäste, die ihren Urlaub gern in » der Nähe verbringen wollen, ohne deshalb auf das gewisse Etwas zu verzichten. Deshalb bietet die Träumerei #8 insgesamt 34 thematisch unterschiedliche, in Zusammenarbeit mit einem Architekten eingerichtete Zimmer. In ihrer Dekoration orientieren sie sich an spannenden Urlaubsdestinationen wie Rom, Amsterdam, Marokko, Kuba, Australien oder China. In der Ausstattung verbindet Hirschhuber heimisches Holz und unterschiedlichste Tapezierungen mit Einrichtungsgegenständen, die von ferne kommen und Lokalkolorit aus der ganzen Welt verbreiten. Verstaubt Tirolerisches suchen Gäste vergebens, stattdessen finden sie eine große Auswahl an Möglichkeiten, eine Übernachtung unvergesslich zu machen.

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„Unsere Besucher sind nicht vor 20 Jahren stehengeblieben.“
Richard Hirschhuber, Eigentümer Gastronomiebetriebe Auracher Löchl

Qualität zählt

Als Symbol für die hochpreisige Ausstattung der Zimmer verwendet Hirschhuber die „Schwarze Katze“. Auf Weinfässer aufgemalt wies dieses Zeichen in den Fünfzigerjahren auf den besonders guten Wein hin. Jetzt zeigt die „Schwarze Katze“ an, dass in der Träumerei #8 Qualität zählt. So kommt jedes einzelne Bett des Boutique-Hotels aus der deutschen Möbelmanufaktur Schramm und kostet stolze 10.000 Euro. Auch alle anderen Gegenstände, die der Kunde angreift, wurden in der jeweils besten erhältlichen Qualität eingebaut. Hirschhuber wollte auf diese Art aber kein steifes High-End-Hotel schaffen, auch kein touristisches Disneyland, sondern einen legeren Wohlfühlort mit großem Wiedererkennungswert, der höchsten Ansprüchen gerecht wird.
Dass sich sein touristisches Qualitätsbewusstsein auch längerfristig auszahlen wird, davon ist Hirschhuber überzeugt. Er vergleicht den Gast, der billig reist, schnell durch Tirol durchgeschleust wird und diese Form des Urlaubs schätzt, mit einem Zugvogel: „Der fliegt mal dahin, mal dorthin und orientiert sich immer am billigsten Angebot.“ Den Kampf um diesen Gast könne der Tiroler Tourismus auf Dauer nur verlieren, da „dieser Kunde weder zum Land passt, noch den Touristikern ermöglicht, Geld zum Wieder-Investieren zu verdienen.“ Dagegen stellt Hirschhuber seine Erlebnisqualität, die erst den nachhaltigen – also zufriedenen und wiederkehrenden – Gast schafft.

Anstrengung, die sich lohnt

Zu diesen Fragen gebe es laut Gerber vor allem eine Antwort: Neue, spannende Angebote wie die „Gerber-Card“ zu erfinden. Was diese Karte kann, erklärt der Chef der Gerber Hotels: „Die Gerber-Card ist zunächst eine klassische Zimmerkarte, die den Zutritt zum eigenen Hotel ermöglicht. Innovativ ist, dass sie noch viele weitere Funktionen in sich vereint: Mit der Karte kann sich der Gast ohne Geldtasche im gesamten Kühtai bewegen und hat bargeldlosen Zutritt zu den Liftanlagen genauso wie zu allen Betrieben der Gerber Hotels GmbH.“ Mit dieser „Kreditkarte im eigenen Unternehmen“ bekommen Gäste zudem eine Ermäßigung von zehn Prozent bei Konsumationen in allen Gerber-Gastronomiebetrieben – auch bei Wellness-Leistungen – und müssen sich an den Liften nicht zum Kartenkaufen anstellen.
So leicht die Funktionsweise der Karte erklärt ist, so schwer war sie technisch umzusetzen. Es dauerte rund eineinhalb Jahre, bis Mario Gerber ein geeignetes IT-System gefunden und adaptiert hatte: Es musste 
den Gast anhand der Chip-ID sofort erkennen, die vom jeweiligen Unternehmen erbrachte Leistung auch auf 2.400 Metern Seehöhe in Echtzeit dem jeweiligen Gästekonto aufbuchen und gleichzeitig dem zuständigen Beherbergungsbetrieb zuordnen können. Dass sich die Anstrengung gelohnt hat, steht für Mario Gerber außer Frage. Seine Karte würde nicht nur dem zentralen Gäste-Wunsch nach Bequemlichkeit im Urlaub entgegenkommen, sondern ihm auch beim Sparen helfen. So hätte der Gast einen guten Grund, sich wohlzufühlen und im nächsten Jahr wiederzukommen, auch weil er „durch die Karte eine Sonderstellung genießt und es gut ausschaut, überall bargeldlos mit der Gerber-Card zahlen zu können.“

Mario-Gerber „Wie schaffe ich es, dass der Gast auf mein Unternehmen aufmerksam wird und wie präsentiere ich meine Leistungen nach Außen hin derart attraktiv, dass er bei mir bucht?“
Mario Gerber, GF Gerber Hotels Kühtai
Karte mit Zukunft

Für Mario Gerber als Unternehmer ist die Gästebindung ein großer Vorteil der Gerber-Card. Die Karte generiere ein Umsatzplus von teilweise mehr als 25 Prozent pro Betrieb, in manchen Restaurants würden inzwischen bis zu 50 Prozent des Umsatzes über die Gerber-Card gemacht. Kartenbenützer lernten zudem alle Betriebe kennen und nicht nur den, in dem sie untergebracht sind. Auch die Dachmarke „Gerber Hotels“ ließe sich laut Mario Gerber über diese Karte sehr gut transportieren. Ein weiterer Vorteil für ihn als Unternehmer sei, dass auch seine Mitarbeiter die Gerber-Card nützen könnten und mit zusätzlichen Vergünstigungen ebenfalls positiv an das Unternehmen gebunden blieben. Für die Zukunft ist geplant, das Karten-System noch zu erweitern. Skischulen und Sportgeschäfte sollen integriert werden und Gästeströme anhand der Karte analysiert werden, um noch speziellere Leistungen für den Gast anbieten zu können.

Eine für vieles: Die Gerber-Card

Einen anderen Weg in Richtung Innovation beschreitet Mario Gerber. Er betreibt in Kühtai eine Vielzahl gastronomischer Betriebe, die unter der Dachmarke „Gerber Hotels“ zusammengefasst sind: das Vier-Sterne-Superior-Hotel Mooshaus, die beiden Hotels Alpenrose und Elisabeth, die 3-Seen-Hütte auf 2.400 Meter, die Pizzeria „da Bruno“ und das neu erbaute Mitarbeiter-Hotel „Staff 
Resort“ mit 80 Wohnungen.

Der Geschäftsführer der Gerber Hotels Mario Gerber bekleidet zusätzlich auch Funktionen in der Wirtschaftskammer Tirol und im Tourismusverband und hat so viele Informationsquellen, um immer wieder zum gleichen Schluss zu kommen: Der Tourismus befindet sich derzeit in einem Wandel, auf den dringend Antworten gefunden werden müssen – online Travel Agencies drängen mit neuen Ideen zu Buchungen und Gästebetreuung immer stärker auf den Markt, Hotelbewertungen im Internet zeigen die Qualitäten eines touristischen Unternehmens schonungslos auf. Mario Gerber: „Die zentrale Frage, die sich dem heimischen Touristiker derzeit stellt, ist: Wie schaffe ich es, dass der Gast auf mein Unternehmen aufmerksam wird, und wie präsentiere ich meine Leistungen nach außen hin derart attraktiv, dass er bei mir bucht?“

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